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Glaub nur nicht wer Du bist

Du bist nicht dein System


Warum wir selten so frei entscheiden, wie wir glauben
und was das mit Liebe zu tun hat


Stell dir vor, dein Partner kommt eine Stunde zu spät nach Hause. Ohne Nachricht.

Was passiert in dir?

Vielleicht spürst du Ärger. Vielleicht Angst. Vielleicht eine Mischung aus beidem, die sich sofort in Worte verwandelt, noch bevor er oder sie die Tür aufgemacht hat. Du weißt bereits, was du sagen wirst. Du weißt bereits, wie dieses Gespräch ausgehen wird.

Und später, wenn der Staub sich gelegt hat, fragst du dich vielleicht: Warum reagiere ich immer so?

Das ist die richtige Frage.

Aber die meisten hören damit auf zu fragen.

Dabei wird es gerade hier erst spannend:


Die Ur-Sehnsucht, die nie verschwindet

Nachdem wir geboren werden lebt in uns die Sehnsucht verbunden zu sein, gesehen zu werden, geliebt zu werden. Nicht manchmal, immer. Nicht unter bestimmten Bedingungen, einfach so.

Diese Sehnsucht ist nicht erworben. Sie ist da, bevor das Leben anfängt, uns zu formen. Sie ist der Kern.

Doch das Leben formt uns. Und das hinterlässt Spuren.

Unsere ersten Beziehungen zeigen uns, wie Nähe geht — oder wie sie wehtut.

Die Beziehung unserer Eltern wird zur stillen Vorlage für das, was Partnerschaft bedeutet.

Das Bild von Liebe, das Filme und Medien zeichnen, setzt sich fest, ohne dass wir es einladen.

Die Freunde, die Schule, die erste große Enttäuschung.

Und über allem: das Ego: jenes Ich, das erklärt, bewertet, sich selbst schützt und immer eine Geschichte parat hat, warum wir Recht haben. Warum wir es richtig machen. Warum wir toll sind.

Die Summe all dieser Schichten nenne ich das System.


Was das System ist und was es tut

Das System ist nicht böse. Es ist nicht falsch. Es ist das Ergebnis eines Lebens voller Erfahrungen, die sich in uns eingeschrieben haben. Wie ein Programm, das im Hintergrund läuft, ein Programm das sich ständig anreichert, ohne dass wir es je gestartet haben.

Dein System entscheidet, wie Du reagierst, wenn der Partner zu spät kommt.
Dein System bestimmt, warum Du Dich verschließt, genau dann wenn Du eigentlich Nähe brauchst.
Dein System erklärt, warum zwei Menschen, die sich lieben, sich immer wieder auf dieselbe Weise verletzen nicht aus Bösartigkeit, sondern weil ihr jeweiliges System gerade das Steuer übernommen hat.

Der entscheidende Trick dabei: Unser Ego erzählt uns anschließend, wir hätten uns frei entschieden. Ich habe mich bewusst dazu entschlossen, das zu sagen. Haben wir meistens nicht. Das System hat entschieden. Das Ego hat die Entscheidung nachträglich unterschrieben.

Freier Wille existiert. Aber nur in sehr seltenen, sehr bewussten Momenten. Die meisten Entscheidungen treffen wir unbewusst. Unser System trifft diese Entscheidungen, lange bevor wir verstanden haben worum es eigentlich geht.


Der Spalt, in dem Freiheit entsteht

Viktor Frankl hat es so formuliert: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit.

Die meisten Menschen überqueren diesen Raum in Millisekunden, ohne ihn zu bemerken. Das System reagiert. Das Ego nickt.

Die eigentliche Arbeit, die ich für die tiefste Arbeit in einer Beziehung halte, besteht darin, diesen Raum zu vergrößern.

Nicht durch Willenskraft. Nicht durch bessere Argumente. Sondern durch Beobachtung.

Was ist gerade passiert?
Wie habe ich reagiert?
Welches System hat hier gesprochen und warum?

Diese Fragen sind keine Selbstkritik. Sie sind Neugier. Sie sind der Versuch, einen Schritt zurückzutreten aus der Reaktion heraus, in eine Art Meta-Position hinein und von dort zu überlegen: Was wäre jetzt eine wirklich erwachsene Antwort? Eine, die aus mir kommt nicht aus meinem System?

Dieser Raum zwischen Reiz und Reaktion ist die rote Pille die Neo im Film "Die Matrix" schluckt. Ja, ich will sehen was mein System ist, und ja, ich will dadurch erkennen wer ich bin.


Was das mit Liebewachsen zu tun hat

In meiner Arbeit mit Paaren erlebe ich immer wieder dasselbe: Zwei Menschen, die sich tief lieben. Und zwei Systeme, die sich unaufhörlich bekämpfen.

Die Arbeit beginnt nicht mit Kommunikationstechniken. Sie beginnt mit der ehrlichen Frage: Gelingt es uns einen Schritt zurück zu gehen und zu beschreiben: Schau mal, hier hat mein System so reagiert. Oh, schau mal, und mein System hat so reagiert.

Das ist keine einfache Frage. Vielmehr die schwierigste Beziehungsfrage überhaupt. Und die Antwort braucht Zeit.

Aber sie ist, meiner Überzeugung nach, der Beginn von allem. Von einer neuen Form der Beziehung. Von einem Schritt in eine Zukunft voller Erkenntnis.


Was erkennst du in dir, wenn du an eine typische Reaktion in deiner Beziehung denkst? Ist das wirklich du oder ist das dein System?


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Andreas Zerweck
E-Mail: info@liebewachsen.de
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