Schon wieder Sex ?

In meiner Arbeit mit Paaren kommt das Gespräch oft auf das Thema Sexualität. Manche Threrapeuten sagen in der Sexualität drückt sich die Beziehung aus. Einer will mehr, der andere weniger. Der eine ist zufriedener als der andere. Einer experimentierfreudiger. Einer schneller, einer langsamer.
Zur Beruhigung gleich vorneweg: Es gibt wohl keine Beziehung auf der Welt, in der das Verlangen nach Sexualität gleich verteilt ist. Es gibt immer einen der mehr will, als der andere. Das ist der Normalzustand.
Bei Euch auch so ? Dann bist Du in guter Gesellschaft.
Wichtig für Euch beide ist: Mehr zu wollen ist nicht besser. Weniger zu wollen ist nicht schlechter.
Derjenige der mehr will kommt in die Rolle des ständig Fordernden. Immer wieder probieren, immer wieder anfragen. Das heisst auch, immer wieder abgelehnt werden, immer wieder zurück gewiesen werden. Irgendwann werden die Anfragen weniger. Das Erleben der Sexualität wird weniger. Das Bedürfnis bleibt aber. Was mache ich jetzt mit einem Bedürfnis, das nicht versorgt wird ?
Derjenige der weniger will kommt in die Rolle des ständig Ablehnenden. Immer wieder nein sagen, immer neue Argumente finden. Irgendwann auf der Hut sein schon gar nicht in eine Situation zu gehen in denen Sex entstehen könnte. Immer konzentriert sein wann die nächste Anfrage kommen könnte, und wieder ablehnen müssen. Das Erleben von Sexualität wird weniger. Das Erleben von Nähe auch. Und die Rolle immer nein zu sagen macht keinen Spass.
Eine Lösung ist: Gemeinsam auf die Unterschiedlichkeit zu blicken
"Ahja, ich verstehe, Du möchtest öfter Sex als ich"
"Ahja, ich verstehe. Du möchtest weniger Sex als ich"
Und jetzt ?
Klassisch gibt es verschiedene Wege aus dieser Situation:
1 Selbstbefriedigung
Ein legitimer Weg. Eigenverantwortung für das eigene Verlangen zu übernehmen, entlastet die Beziehung. Wenn es bewusst gewählt wird — nicht als Resignation, sondern als Entscheidung.
2 Einseitige Sexualität
Manchmal gibt ein Partner, ohne selbst in gleicher Weise Lust zu empfinden. Das kann ein Geschenk sein — wenn es frei gegeben wird. Und es kann erodieren, wenn es zur Pflicht wird.
3 Offenheit nach außen
Für manche Paare ist eine bewusst gestaltete Öffnung der Beziehung ein gangbarer Weg. Nicht als Flucht, sondern als gemeinsame Entscheidung. Das braucht Ehrlichkeit — mehr als fast alles andere.
4 Miteinander hineinwachsen
Die vierte Möglichkeit ist vielleicht die anspruchsvollste und die fruchtbarste. Die Differenz nicht lösen wollen, sondern sie zum Gesprächsthema machen. Gemeinsam aushalten. Gemeinsam erkunden.
Dann werden plötzlich folgende Fragen viel spannender:
Was gibt Dir eigentlich unsere Sexualität ?
Welche Situationen kennen wir in denen wir Intimität statt Sexualität erleben ?
Wie fühlt sich das an wenn Du und ich Sexualität alleine erleben, und uns davon erzählen ?
Was brauchst Du um wieder mehr Lust zu erleben und wie können wir das umsetzen ?
Was brauchst Du um Deine Lust auf andere Art auszuleben und wie können wir das umsetzen ?
Beziehung ist kein Ort, an dem Bedürfnisse verschwinden. Sie ist der Ort, an dem wir lernen, mit ihnen umzugehen. Gemeinsam.
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EINLADUNG
Liebewachsen ist ein Raum für genau diese Gespräche. Für die, die schweigen, weil sie nicht wissen, wie sie anfangen sollen. Für die, die spüren, dass da etwas ist — und es noch keinen Namen hat.
Sexualität gehört zur Beziehung. Nicht als Leistung. Nicht als Pflicht. Als Ausdruck von Nähe, Verlangen und Lebendigkeit. Und manchmal als Spiegel: Was zeigt mir das, was zwischen uns (nicht) passiert?